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So viel Liebe passt gar nicht in einen Roadtrip

Die Tränen laufen heiß auf meinen Wangen herab. Dort vermischen sie sich mit dem Salz der Gischt, die mir die kräftige Meeresbrise schon lange entgegen weht. Ich fließe über, und ebenso mein Herz. Ich fühle den Schmerz, die Freude, die Liebe, das Leben. Ich fühle so viel, und ich sitze einfach still da und lasse mich von Gefühlen überrollen, während ich dabei zusehe, wie die Wellen der hereinkommenden Flut dasselbe mit dem Sand tun. 

Die Flut kommt und wird sich später wieder zurückziehen. Die Sonne wird bald untergehen und Platz für den Mond machen. Und morgen früh beginnt alles von vorne. Alles kommt, alles geht, und jede Sekunde ist ein Geschenk — und das wurde mir in den letzten Wochen so klar wie schon lange nicht mehr.

Die Musik fließt aus den Kopfhörern in mich hinein, dreht sich im Kreis, dreht mich im Kreis, vermischt sich mit den Gefühlen und purzelt als Worte wieder aus mir heraus. Es ist paradox, dass ich genau das festhalten will, was mich gerade noch als die Magie der Vergänglichkeit sprachlos gemacht hat. Aber ich hatte fast schon angefangen zu schreiben, bevor ich merkte, was ich tat. Einem Impuls folgen, auf die Intuition hören, mehr fühlen und weniger denken — eines der größten Geschenke dieses Sommers. Mein Laptop steckte noch in meiner Tasche, mit der ich direkt vom Büro an den Strand gefahren bin, um den Wellen zuzuschauen. 

Ich bin wieder in Hossegor. Hier, wo alles angefangen hat, immer wieder endet und neu beginnt. Aber was dazwischen war, war nicht weniger wichtig. Und davon möchte ich erzählen.

Warum? Ich weiß es selber nicht. Vielleicht kann ich andere Menschen damit berühren. Vielleicht spüren sie beim Lesen auch nur einen einzigen der kleinen Funken, die meinen Sommer in Flammen gesetzt haben. Vielleicht ist es auch einfach gerade alles zu viel in mir, muss raus, braucht ein Ventil.

In diesem Moment kommt die goldene Sonne langsam wieder am dunklen Himmel hervor, der schon den ganzen Tag in düsteres Grau tunkte. Nun brechen ihre Strahlen eindrucksvoll durch die tief hängenden Wolken und malen ein Muster aus flüssigem Gold auf die Wasseroberfläche am Horizont.

Zeit, die Worte wieder loszulassen.

6 Wochen später.

Ich bin wieder im Schwarzwald. Es hat lange gebraucht, bis ich hier richtig ankommen konnte. Es hat gedauert, bis ich mir zugestehen konnte, zu vermissen. Was eigentlich genau?

Den Sommer. Das Meer. Die Liebe. Die Wellen. Die Menschen. Die Leichtigkeit. Die Natur. Dieses Leben, dass wir so irgendwie nur unterwegs finden — wenn wir die wenigen wichtigen Dinge in den Van packen und dem Sonnenuntergang entgegen fahren, um uns und unser Leben für eine Weile ganz nach dem Wetter und den Wellen auszurichten.

Diesen Sommer zog es uns nach Nordspanien. Irgendwie wollten wir das schon lange, aber bis jetzt hat es einfach nie so richtig gepasst. Auch dieses Jahr sollte es nicht einfach werden, da der Van viele kleine und große Tücken entwickelt hatte und die Reparaturen uns Zeit und Nerven raubten. An einem Mittwochabend Ende Juli, Tage, nachdem wir ursprünglich loswollten, kam die Nachricht von der Werkstatt: das Auto ist fertig.

Wir haben ihn abgeholt, unser Zeug hineingeworfen und sind sofort losgefahren in die Nacht.

Endlich wieder Vanlife am Atlantik in Frankreich

In Seignosse anzukommen ist jedes Mal ein bisschen, wie nach Hause zu kommen. Doch wir waren noch nie in der Hochsaison unterwegs (diesmal ging es nicht anders wegen dem Beginn von Adri’s Praxissemester Anfang September) und die Menschenmassen vertrieben uns schnell in Richtung Baskenland.

Dort verbachten wir eine knappe Woche in Guéthary, was hauptsächlich der starken Sommergrippe geschuldet war, die mich dort einige Tage umhaute. Doch abgesehen davon genossen wir die entspannten Sommerwellen, das schöne Wetter (zumindest, bis es zu Regen und Sturm umschwenkte), endlich wieder im Camper zu leben und zum Frühstück Croissants zu essen. Aber wir hatten noch mehr vor, und so wurden wir unruhig…

Der Roadtrip geht weiter: Kantabrien

Schließlich ging es mir gut genug, dass wir wieder reisen konnten und wir fuhren weiter nach Spanien. Die Odyssee entlang der Küste von einem ausgebuchten Campingplatz zum nächsten überspringe ich hier mal, aber sie sorgte dafür, dass wir schließlich in Kantabrien, kurz hinter Bilbao landeten. Wir sollten unsere letzten Campingplatznächte hier verbringen, denn die Wochen darauf standen wir nur noch an den schönsten Orten mitten in der Natur.

Ich hatte zwei Tage lang keine Stimme mehr, Adri surfte winzige Wellen mit dem neuen Logboard, das wir zum ersten Mal mit dabei hatten, und wir beide waren jetzt bereits hin und weg von der wunderschönen Küste mit der saftig grünen, bergigen Landschaft, die direkt in das wilde Meer abfiel. Nun, theoretisch wild zumindest, denn während unserer ganzen Zeit in Spanien hatten wir fast keine Wellen — bis auf ein paar Tage, an denen es dafür viel zu wild und groß zum surfen war.

Doch so schön es dort war, wir wollten meer. Galizien war das Ziel in unserem Kopf, und zahlreiche Surfspots, von denen wir gelesen hatten. Meine Stimme kam nur langsam zurück, aber Adri hatte seine helle Freude daran, mich endlich zutexten zu können, ohne dass ich widersprach. So hatte wenigstens einer etwas davon.

Knall auf Fall verknallt: Asturien

Asturien haute uns komplett aus den Socken. Wenn die Landschaft in Kantabrien schon wunderschön gewesen war, so schaffte diese Ecke des Landes, die wir vorher noch so gar nicht auf dem Schirm hatte, dies bei jedem zurückgelegten Kilometer noch zu übertreffen. Die Picos de Europa begleiteten uns eine Weile im Hintergrund, während die Küste tiefgrün und bergig über schroffe Klippen im tiefblauen Atlantik mündete. Bäume, Sträucher und Gräser, Blumen und Blätter, Felsen und Wiesen, Flüsse, Buchten und beinahe verlassene Strände bildeten ein Ensemble, das uns jeden Tag wieder den Atem raubte.

Obwohl wir in diesen Tagen fast keine Wellen hatten und das Wetter seit unserer Ankunft in Spanien durchgehend grau war, gehört diese Zeit auch im Nachhinein noch zu den schönsten des Sommers. Es waren zwar einige Camper unterwegs, aber im Vergleich zu Südfrankreich war es doch deutlich ruhiger.

Wildcampen ist in Spanien zwar offiziell verboten, jedoch ist es erlaubt, in seinem Fahrzeug zu übernachten. Dies schafft eine Grauzone, die dafür sorgte, dass wir an einigen der schönsten Stellplätze überhaupt standen. Im Grünen mit Blick aufs Meer, mitten in der Natur und fernab der Städte und Zivilisation fanden wir uns genau dort, wo wir uns am wohlsten fühlen.

Vanlife in Nordspanien und die Liebe zum einfachen Leben

Ich las vor kurzem auf Instagram folgende Worte: „Warum romantisieren alle diese Van-Urlaube so sehr, was soll cool daran sein, ständig überlegen zu müssen, wo man das nächste Mal aufs Klo geht?“ — Aber lustigerweise ist es genau das, was wir am Vanlife so lieben. Also natürlich nicht die wortwörtliche Abwesenheit eines Klos, genau genommen ist dies tatsächlich ein eher nervigerer Aspekt des Wildcampens und wir wollen bei unserem nächsten Van-Ausbau unbedingt eine kleine Toilette einbauen. 😀

Aber dieses Leben, was auf einmal hauptsächlich aus den einfachen Fragen des Überlebens besteht: Wo schlafen wir? Was essen wir? Wo finden wir Trinkwasser? Wo gibt es Toiletten oder Duschen? Und schließlich: Wo gehen wir heute hin? Welchen Spot surfen wir? Wie verbringen wir unsere Zeit?

Es relativiert all diese Sorgen und Gedanken, die uns zuhause so oft den Schlaf rauben. Und ja, wenn ich jemand bin, der normalerweise nicht so gut und einfach einschläft — wenn wir im Van unterwegs bin, schlafe ich wie ein Murmeltier. Na sowas.

Das Leben wird irgendwie auf seine Essenz reduziert. Überleben, im Rhythmus mit der Natur leben, die Welt erleben. Und natürlich: Begegnungen.

Camperfreunde

2017 waren wir auf Bali im Surfcamp. Eine wunderbare Zeit, in der viele Wellen gesurft, Nasi Goreng gegessen, Bintangs getrunken und natürlich neue Freundschaften geknüpft wurden. Wie das eben so ist auf Reisen. Man lernt Menschen kennen, schließt sie ins Herz, reist weiter und sieht die meisten von ihnen nie wieder…

…bis man auf einmal, vier Jahre später, mit dem Campervan durch Europa schippert und genau in der gleichen Gegend unterwegs ist. Und so verbachten wir einige wunderschöne, entspannte Tage mit alten und neuen Freunden aus Bali und ihrem großen Bulli. Die Wellen blieben mau, aber die gemeinsamen Nächte ums Makrameeteelicht machten das wieder wett. Man ist zusammen und doch unabhängig, jeder so mit seinem Van: man bildet eine Gemeinschaft und ist doch frei. Und diese Ungezwungenheit bringt Leichtigkeit. Und Lachen. Und Liebe.

Auch sonst passieren diese Kontakte unterwegs einfach. Man steht nebeneinander, kommt ins Gespräch, verbringt einen witzigen Abend miteinander und am nächsten Tag folgt jeder seinem Weg. Nicht oft sieht man Menschen wieder und selten ist dies nötig. Die Schönheit der Vergänglichkeit ziert auch diese einzigartigen Begegnungen.

Surfen und Vanlife in Galizien

Galizien war von Anfang an das Ziel der ganzen Reise, ist von dieser besonderen Gegend doch so oft unter Surfern und Campern die Rede. Letztendlich waren wir jedoch nur zwei Tage dort, da wir so viel Zeit in Asturien verbracht hatten, und uns das graue Wetter langsam auf den Hafer-Schoko-Keks ging. In wenigen Tagen waren für Hossegor dreißig Grad angesagt und so fassten wir kurzerhand den Entschluss, von unserem kleinen Abenteuer an Spaniens Nordküste zurück in den Sommerurlaub zu fahren.

Die zwei Tage jedoch waren voller kleiner Glücksmomente. Ich surfte lustige Wellen in eiskaltem Wasser, wir bekamen die ersten Sonnenstrahlen in Spanien auf die Nase und die Natur beraubte uns mal wieder unseres Atems. Die Küstenlandschaft in Galizien ist einfach noch rauer, noch wilder, noch schöner als alles, was wir bis dahin erlebt hatten. Die Gegenden sind noch abgelegener, die Wälder noch tiefer, das Wasser noch kälter, die Felsküsten noch zerklüfteter. Wir saugten all das in uns auf und machten uns schließlich, angefüllt mit Eindrücken und Erinnerungen, auf den langen Weg zurück.

Wir strandeten fast mitten in Spanien, weil unsere Bremskontrollleuchte verrückt spielte und fanden dann fünf Minuten vor Feierabend doch noch eine nette Werkstatt, die die Sache für zehn Euro regelte. Wir surften mit die besten Wellen des Trips in Liencres an einem kleinen Tag, sodass der sagenumwobene Spot lange nicht so voll und von Locals umkämpft war, wie bei gutem Swell. Wir bekamen im Naturpark von den Dunas de Liencres nochmal eine absolut krasse Abschiedspräsentation der unfassbaren Schönheit dieser gesamten Küste auf dem Silbertablett serviert. 

Und rollten schließlich, müde aber glücklich, am späten Abend zurück über die französische Grenze und bald darauf auf den Camping Carpark in Seignosse.

Ein Video sagt mehr als tausend Worte

Oder zumindest etwas anderes. Obwohl ich diesmal keinen Film geplant hatte, hatte ich doch immer wieder die Kamera in der Hand, um bestimmte Situationen in Bewegtbild festzuhalten. Daraus  habe ich nun doch einen Kurzfilm über dieses einzigartigen, wunderbaren Roadtrip gemacht, den ich dir hier nun auch nicht vorenthalten will. Das bildliche Pendant zu all dem, was ich dir in den letzten Zeilen um die Ohren gehauen habe:

Warum dieser Roadtrip an die Nordküste Spaniens die beste Idee war, die wir je hatten.

Wieder in Frankreich und eine neue große Liebe

Zurück in Frankreich zu sein war reine Liebe. Die Urlauberströme ebbten endlich ab und schließlich bekamen wir auch unseren Platz auf dem Campingplatz unter Pinien, direkt am Meer. Wir surften die perfekten Longboardwellen bei perfekten Sonnenaufgängen, konnten endlich unsere Sommerklamotten anziehen und lagen einfach am Strand oder in der Hängematte. Und bekamen, nach all der Zeit, doch noch den ein oder anderen Sonnenuntergang zu Gesicht. 

Was aber das wichtigste für mich war: endlich erhielt ich mein Wassergehäuse für die Kamera, was schon vor der Reise hätte da sein sollen, jedoch coronabedingten Lieferverzögerungen zum Opfer fiel. Und so tauchte ich ein in eine Welt, die ich schon lange bewunderte und ersehnte: die Welt der Wasserfotografie, der Surfaufnahmen aus dem Wasser selbst. Ich jagte nun nicht mehr nur Wellen, sondern auch das perfekte Licht im Wasser und tastete mich Stück für Stück daran, statt mit Surfbrett nun mit Flossen und Kamera im Line-Up unterwegs zu sein.

Ich verliebte mich noch einmal ganz neu auf dieser Reise.

Schließlich mussten wir zurück, denn Adri hatte am ersten September im Büro aufzukreuzen. Mir jedoch blieb noch ein Monat bis Semesterbeginn und mein Herz weinte nach Wellen und Sonnenuntergängen und dem einfachen Leben an salziger Luft. So fuhr ich nach zehn Tagen in Deutschland zurück an den Atlantik. Alleine — um noch einmal zwei Wochen inoffiziell bei meinen Arbeitgebern vom Praxissemester mitzuarbeiten und selbst noch etwas mehr mit der Kamera ins Wasser zu kommen.

Frankreich 2.0: Hannahs Extrarunde

Zu Beginn war es seltsam, wieder alleine zu sein. Adri fehlte mir so schmerzhaft, als wäre mir ein Stück von mir Selbst entrissen worden: ein Gefühl, was ich normalerweise so nie empfinde. Ich war damals zwei Wochen alleine im Van unterwegs und habe schließlich mein ganzes Praxissemester letzten Winter alleine in Hossegor und Nazaré verbracht, wodurch ich lernte, wunderbar mit mir allein zurechtzukommen. Diesmal dauerte es, bis ich wieder in den Soloreisen-Modus wechseln konnte — doch auch das war okay, war es auch schön, so mal zu fühlen.

Am ersten Morgen in Seignosse begegnete ich einer wunderbaren jungen Familie, die auch in ihrem Van unterwegs war und wir sollten uns noch eine Weile erhalten bleiben. So verbrachte ich unbeschwerte Tage vormittags auf Dreh mit meinem Chef von der Filmproduktion, nachmittags am Meer mit Elli, Pedro und Baby Kelana und die Wochenenden in Guéthary, wo ich mit meiner Kamera auf volle Kosten kam. 

Dort waren die Sonnenuntergänge magischer, die Wellen liebevoller und die Begegnungen nicht von dieser Welt. Es passierte in diesen Tagen so viel, was nicht in diese Zeilen passt, mein Herz jedoch so tief berührte, dass ich noch lange davon zehrte.

Überfließen

Schließlich waren alle weitergereist und ich blieb in Hossegor zurück, wo ich wieder Ruhe für mich fand und all das Erlebte in mir bewegen und verarbeiten konnte.

Eines Abends riefen mich die Wellen. Ich fuhr mit dem Fahrrad ans Meer, zog meine Schuhe aus und ging den Strand entlang. Ich lief und lief und lief.

Obwohl der ganze Tag grau war, brach die Sonne plötzlich doch noch unter den Wolken hervor und ihr goldenes Licht spiegelte sich nicht nur in meinen Augen, sondern auch tief in meinem Herzen wieder. Ich fühlte so viel, das ich das Gefühl hatte, überfließen zu müssen, und ich ließ die Tränen einfach laufen.

Es waren so viele Gefühle, so viele Eindrücke. Dieser Sommer war so angefüllt gewesen mit so viel Liebe, Wachstum, Schmerz und Weisheit, so viel Hingabe und Neugier, Wärme und Ruhe. Ich platzte fast vor Dankbarkeit in diesem Moment.

Ich gab mich dem Sturm hin und genoss die süßen Tränen, das Salz in meinem Gesicht, die milde Sonne auf der Haut.

Und schließlich, mehr einem Gefühl als einem Gedanken folgend, setzte ich mich auf eine Bank, zog den Laptop aus dem Rucksack und begann zu schreiben.

Hannah Signatur

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