Bangkok ist ein hartes Pflaster, wenn man nach Selbstlosigkeit und Menschlichkeit sucht. Es geht nicht um Begegnungen, es geht nur um Geschäfte. Man hat das Gefühl, alle legen es nur darauf an, einem das Geld aus der Tasche zu ziehen, Unwissen und Unsicherheit auszunutzen oder sich über einen lustig zu machen. In einer Sprache, die man selbst nicht versteht, selbstverständlich, aber die missgünstige Energie ist deutlich spürbar.

Hier ist das anders. Schiefe, weiße Zähne strahlen einen im Vorbeigehen an, neugierige Blicke verfolgen uns und ein Lächeln sagt mehr als tausend Worte. Besonders, wenn wir eines unser zwei Thai Worte anwenden, Sawadie (Willkommen, wird zur Begrüßung benutzt) oder Kop Kan Kah (Danke). Die Menschen freuen sich, uns zu sehen, wollen unbedingt helfen, oder einfach nur eine freundliche Geste austauschen. Balsam für die Seele und der Glaube an Selbstlosigkeit, Solidarität und Menschlichkeit kehrt zurück.

Wo wir sind?

In Phetchaburi, einer kleinen Stadt mit ebenso kleiner touristischen Aufmerksamkeit aber großer kulturellen Historie. Aber lasst uns ganz vorne beginnen, beim Anfang dieser außergewöhnlichen Serie von freundlichen Begegnungen, wie wir es lange nicht erlebt haben.

Im Mangosteem Café in Kanchanaburi gibt es das beste Curry der Welt. Adrian bekommt fast einen hysterischen Anfall, weil es ihm so gut schmeckt und dann der Nachtisch – lässt alle Geschmacksnerven platzen. Wasserkastanien und Jackfruit in Kokosmilch, unvorstellbar, unvorstellbar ungewohnt, unvorstellbar gut! Die Köchin gesellt sich zu uns, in brüchigem Englisch aber mit vollem Herzen erzählt sie uns von der Herkunft und Zubereitung des Essens. Sie liebt ihre Arbeit und sie liebt Begegnungen, das spürt man, sie fragt auch nach uns. Unserer Herkunft und unseren Plänen, bringt uns ein paar Wörter Thai bei, mit denen wir ausdrücken können, wie unfassbar lecker ihr Essen war. Und sie gibt uns einen Tipp für einen Local Bus nach Ratchaburi, von wo aus wir nach Phetchaburi weiterfahren können. Local klingt immer gut, es klingt nach Abenteuer und nach Sparfuchs, und genauso war es auch.

Als wir nassgeschwatzt und mit rotem Kopf am nächsten Vormittag am Bus-Terminal ankommen (ja, als Sparfüchse laufen wir eben eine Dreiviertelstunde mit jeweils zwei Rucksäcken und über 20 kg in der Tropenhitze zum Busterminal. Wer braucht schon Taxis?), empfängt uns ein Polizist. „You look a litte hot.“

Verwunderlicherweise ist er weiß und spricht perfektes Englisch. Wir fassen Vertrauen und landen ohne Probleme bei dem Bus, den wir wollten, ohne noch fünf „very cheap my friend special price“-Angebote ablehnen zu müssen. Special cheap ist dafür unsere zweieinhalbstündige Fahrt im klapprigen Bus ohne Klimaanlage, in dem wir die einzigen Weißen sind, mit 1,28 € pro Person (50 Baht).

Auf der Zugfahrt nach Phetchaburi

Die Reise der Freundlichkeit

Der Ticketkontrolleur, der aussieht wie eine asiatische Version von Brad Pitt in Fight Club, hat sichtlich seinen Spaß, als wir uns mit unseren riesigen Rucksäcken in die Sitze quetschen. Die Klamotten längst durchweicht, sind wir einfach froh, uns nicht mehr bewegen zu müssen. Brad Thai Bitt fragt uns wo wir hin müssen. Als wir irgendwann in einer Stadt halten, ruft er uns zu, dass wir jetzt aussteigen sollen und sagt kurz etwas zu einem alten Mann, der am Straßenrand steht.

Der Mann sieht uns an, Fältchen umziehen seine Augen als er lächelt und in die Richtung weist, wo wir anscheinend hingehen sollen. Phetchaburi?, fragen wir nur hilflos, er nickt und schiebt uns förmlich die Straße entlang, während er mit einfachstem Englisch etwas abzugeben versucht, was einer Wegbeschreibung nahe kommt. Er geht noch ein Stück mit und bleibt dann mitten auf einer Kreuzung stehen, um sich zu vergewissern, dass wir auch weiter in die richtige Richtung gehen.

Wir landen beim Bahnhof, obwohl wir dachten, wir fahren mit dem Minivan weiter. Das war laut Internet mit 40 Baht die günstigste Möglichkeit. Aber gut, Zug passt auch. Und sowas, das Ticket kostet 11 Baht pro Person – 28 Cent! Weil der nächste Zug erst in zwei Stunden fährt, setzen wir uns in ein Café mit Klimaanlage und kommen endlich ein wenig zur Ruhe. Ich schneide den neuen Vlog, Adri lernt thailändisch mit den Wörtern, die ich mir extra rausgeschrieben habe. Auf seine Frage, wie die Thais denn das r aussprechen, schlage ich ihm vor, die Frau neben uns zu fragen. Doch leider versteht sie das Englisch offenbar sehr schlecht, und jeder Versuch von uns, uns da wieder rauszureden, macht es nur noch schlimmer. Das Wort, nach dem Adri fragt, ist ausgerechnet rot fai – Zug. Und jetzt denkt sie, wir fragen sie nach einem Zug. Eine Viertelstunde lang redet sie mit allen Angestellten in dem Café, telefoniert herum, recherchiert auf vielen Internetseiten, und legt uns schließlich einen Zettel vor die Nase. Auf dem Abfahrtzeit und Gleis für genau den Zug stehen, für den wir das Ticket schon seit einer Stunde in der Tasche haben. Es ist uns unendlich peinlich, ihr so einen Aufwand beschert zu haben und wir sind gleichzeitig unendlich berührt über diese Hilfsbereitschaft. Wir geben uns begeistert und verlassen das Café brav eine halbe Stunde vor Abfahrt des Zuges, um „noch das Ticket zu kaufen“ und uns eben zurechtzufinden.

Da sitzen wir nun wieder auf den klebrigen Stühlen in der warmen Wartehalle und sehen auf die Uhr. Noch zwanzig Minuten, aber da kommt ein Zug. Kann es der sein? Nein, noch viel zu früh. Wir bleiben sitzen. Da kommt die Frau, die uns das Ticket verkauft hat und sagt uns, dass es doch unser Zug sei! Ich meine, sie lässt die Menschenschlage warten, verlässt ihren Posten und geht einmal außenrum in die Wartehalle, nur damit wir in den richtigen Zug steigen. Mal wieder sind wir voller Dankbarkeit für diese Fürsorge von allen Seiten und können es kaum fassen. Dieser Tag steckt so voller Liebe, doch das war’s noch nicht.

Allein dafür lohnen sich die 11 Baht (28 Cent) für die Zugfahrt, oder?!

Willkommen in Phetchaburi, dem nettesten Ort Thailands!

Als wir in Phetchaburi aussteigen, fühlen wir uns erholt genug, um die restliche halbe Stunde zur Unterkunft auch noch zu laufen. Wir treten auf die Straße und machen uns bereit, mit möglichst abwehrender Körperhaltung an den übereifrigen Tuktukfahrern vorbei zu laufen. Doch nur einer ruft uns, Taxi? Taxi? Wir schütteln nur den Kopf, lächelnd dankend, aber schauen dann wieder stur auf unsre Karte und laufen vorbei. „Oh you walk“ lächelt der Mann und lehnt sich wieder entspannt zurück.

Wie bitte, was?! Wir denken wir haben uns verhört. Oh, you walk, das haben wir jetzt noch nie gehört, ein Taxifahrer, der ein Nein sofort lächelnd akzeptiert – das gibt’s doch gar nicht, oder? Doch das gibt’s hier in Petchaburi, das wir in den ersten Minuten mehr ins Herz schließen als jeden anderen Ort, an dem wir je waren. Es ist wunderschön, grün, keine Touristen und im Hintergrund die Berge, auf denen sich eindrucksvolle Tempel mit spitzen Dächern gegen die tiefstehende Sonne abheben. Die Häuser sind klein und bunt, alle Leute schauen uns neugierig und fröhlich an, als hätten sie noch nie eine Weißen gesehen. Vielleicht sehen wir aber auch einfach so unterhaltsam aus, mit unseren riesigen Rucksäcken, roten Köpfen, verwirrtem Blick und klatschnassem Gesicht. Wer weiß. 😀

Die Wegbeschreibung führt uns eine lange Straße entlang, die von Blumenbeeten gesäumt ist. In denen junge Männer in Militäruniformen rumlaufen, Rasen mähen und Blumenbeete jäten. Okaaaay. Adri schaut sich nervös um, glaubt, wir sollten nicht hier sein. Ich dagegen vertraue voll auf mein Navi und laufe beherzt weiter, amüsiere mich an den verwirrten Blicken der Soldaten-Jungs und rede auf Adri ein. Nein, das passt schon, einfach weiterlaufen. Bis wir die roten Klötze und Wachmänner vor dem schweren Stahltor  sehen. Okay, sieht komisch aus. Aber die Route führt uns genau da durch. Dann einfach mal hingehen.

Adri’s Schritte werden langsamer, er will zurück. Ich beruhige ihn, er weist auf das Gewehr in der Hand des einen Soldaten. „Schatz, ich glaube, wir sollten wirklich nicht hier sein!“ Na gut, er hat Angst, den Rest der Reise in einem thailändischen Gefängnis zu verbringen. Ich eigentlich nicht, denn meine Wegbeschreibung führt mich ja da hin. Und außerdem sehen die voll nett aus. Ein bisschen verwirrt vielleicht oder belustigt oder eine Mischung von allem, aber nicht böse. Die sind ja grade mal so alt wie wir.

Als ich sage, ich frage die mal nach dem Weg, bekommt Adri fast die Krise, aber ich kann es nicht lassen. Ich meine, die Route! Die Jungs haben offensichtlich ihren Spaß und wir verstehen uns, auch wenn ihre Englischkenntnisse beschränkt sind. Nach Absprache mit dem Kommandeur ist auch klar, da können wir nicht lang gehen, aber die Verwirrung bleibt. Die Jungs checken nicht, wo wir hin müssen, wir checken nicht, was sie genau fragen wollen. Sie lachen, wir auch, und wir treten den Rückzug an. Ich finde die Situation super lustig, Adrian kriegt sich nicht mehr ein, weil der eine ein Gewehr hatte. Und ein Messer. Hab ich gar nicht gesehen.

Man lernt viele Dinge auf Reisen, und eines davon ist, dass es immer auf den Blickwinkel ankommt. Man kann Angst haben, wenn man seinen Blick auf das Gewehr in der Hand oder das Messer an der Hose richtet. Oder man kann Vertrauen schöpfen und eine interessante Begegnung erleben, wenn man das Lachen im Gesicht oder die Aufgeschlossenheit im Blick sieht. Wie auch immer, wir fanden einen anderen Weg. Auch wenn Adri immer noch nervös zappelte, erleichtert, gerade so dem Exil entkommen zu sein. Ein alter Mann, der das ganze verfolgt hat, spricht uns noch an, und erklärt uns nach einigen ersten Verständnisproblemen einen anderen Weg zu unserer Unterkunft. So nett, Danke, Kop Kan Kah!

Willkommen ankommen

Endlich sind wir also angekommen. Wir schaffen es mit letzter Kraft und Schweiß in den Hof, wo ein kleines thailändisches Mädchen aufgeregt herumhüpft. Eine junge Frau, offensichtlich die Leiterin hier, steht auf und kommt strahlend auf uns zu. Sie begrüßt uns herzlich, erinnert sich sogar an unsere Namen von der Buchung und bringt uns erstmal zum Zimmer, damit wir endlich duschen können. Alles ist wunderschön gemacht hier, sauber, ordentlich, liebevoll, genau wie sie. Dann sitzen wir kurz zusammen, sie erzählt uns von der Stadt, neugierig, warum wir hier sind. Normalerweise ist dies wohl ein Ort, wo hauptsächlich Einheimische Urlaub machen. Jap, haben wir gemerkt. Und finden wir mega cool. Sie fragt auch, ob das Frühstück für mich okay ist, weil  ich Vegetarierin bin. Ob ich Brot esse. Ähh, ja, aber süß, dass sie fragt. Man kann ja nie wissen! 😀

So viele Eindrücke und Begegnungen lassen unser Herz aufgehen und wir freuen uns so sehr auf alles, was kommt. Der knallpinke Sonnenuntergang scheint wie ein Ausdruck der absoluten bedingungslosen Nächstenliebe, die wir heute so oft erfahren haben. Wir sind so dankbar für all diese Erfahrungen. Jetzt genießen wir erstmal ein sauberes Bett, ordentliches Zimmer und die Gesellschaft einer kleinen Gecko-Familie vor unserer Tür.

Gute Nacht!

Unsere Unterkunft hat Fahrräder!

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