Unsere ersten zwei Wochen auf Bali bestanden hauptsächlich aus Wellen, Surfen und Nasi Campur. Zeit sich aufzumachen, das Landesinnere der Insel der Götter zu erkunden. Genauer gesagt: Ubud, auch bekannt als kulturelles, künstlerisches und spirituelles Zentrum Balis, als Veganerparadies, Yogi-Mekka und für seine einzigartigen Reisfelder.

Einzigartig? Bestimmt nicht, denn Bali ist voll davon. Aber die Tengallalang Reisterassen in Ubud sind wohl die bekanntesten und auch wirklich wunderschön. Nur leider mittlerweile auch voller Touristen, Selfiesticks und Drohnen. Man hat das Gefühl, man müsste nur in die Luft greifen, schon hätte man eine. Überall surrt und summt es. Die Straße ist gesäumt von Souvenirshops und eifrige Verkäufer preisen ihre Ware um die Wette an…

Auch wir konnten dem unbeschreiblich schönen Fotomotiv nicht widerstehen – aber wie immer, zeigt dieses Foto eben nur einen bestimmten Blickwinkel.

Reisterassen auf Spendenbasis

Als wir in Ubud ankommen, sind wir etwas desillusioniert. Kulturelles Zentrum, da stellt man sich ruhige Sträußchen vor, Tempelanlagen und Einheimische, die in traditioneller Kleidung vorbeilaufen, auf dem Weg zur nächsten Zeremonie. Stattdessen ist es laut, die Straßen überfüllt von Rollern und Autos und Yogashops und vegane, hippe Cafés reihen sich an die nächsten. Von Ruhe keine Spur. Die Preise fürs Essen schocken uns, nachdem wir in Medewi mit so günstigem Local-Food verwöhnt wurden, scheint alles hier abartig teuer – teurer als Canggu, was vergleichsweise ‚hip‘ ist. Aber wir nehmen uns vor, den Ort nicht gleich zu verurteilen, sondern uns erst noch mehr von ihm anzusehen. Zum Glück.

Am nächsten Vormittag machen wir uns auf zu den Tengallalang Reisterassen. Eintritt zahlen wir keinen, dafür wird eine Spende erwartet. Ist ja kein Problem, wir spenden und gehen weiter. Die Terrassen schlängeln sich elegant die steilen Hänge entlang und es ist wirklich wunderschön anzusehen! Doch als wir weiter wollen, versperrt und ein Mann den Weg. „Donation!“ sagt er fordernd. Wir geben ihm zu verstehen, dass wir schon gespendet haben, aber er schüttelt den Kopf. „Different!“, er will uns nicht durchlassen.

Wir verstehen unter Spende etwas anderes, freiwilliges, aber er nicht, also drehen wir um. Wir besteigen den Hang und wollen oben noch etwas weiter in die Reisfelder hinein, aber wieder werden wir gestoppt. „Donation!“, heißt es wieder, und wieder will man uns ohne nicht durchlassen, wird sogar richtig unfreundlich. Wir wollen einen kleinen Betrag geben, denn wir haben ja eigentlich schon gespendet, das ist den Männern aber nicht genug. Also nicht nur, dass man hier zu einer „Spende“ gezwungen wird, sogar der Preis wird vorgegeben und wir drehen uns genervt weg. Dann eben nicht!

Stolz hilft nie weiter

Da sitzen wir nun frustriert und genervt am Hang der schönsten Reisfelder, die wir bis jetzt zu Gesicht bekomme haben und regen uns über das unfreundliche Verhalten auf. Bis… wir uns bewusst werden, dass diese Menschen hier ihre Felder freigeben, dass Horden von Touristen hier durchspazieren können. Dass diese Menschen so viel ärmer sind als wir und doch auch nur ein kleines Stückchen von dem großen Kuchen abbekommen wollen. Dass in anderen Ländern eben andere Sitten herrschen und „Spende“ hier nunmal eine Gegenleistung zur Besichtigung ist. Und bis uns auffällt, dass die „Spende“ für uns umgerechnet gerade mal 70 Cent beträgt.

Also gehen wir zurück, geben unsere Spende und dürfen passieren. Was die beste Entscheidung überhaupt war, wie wir bald feststellen werden! Wir spazieren ein bisschen weiter, die Touristenmengen werden dünner, und wir schlüpfen an einem kleinen Häuschen vorbei, wo wir zuerst gar nicht sicher sind, dass der Weg dort weitergeht. Doch er tut es, und kurz darauf landen wir auf weiteren Reisterrassen, die höher gelegen sind. Sie sehen nicht mehr so eindrucksvoll aus, aber dafür sehen wir keine anderen Touristen mehr, was uns mehr reizt als alles andere. Eine Frau in einem kleinen Stand am Wegesrand versucht uns halbherzig, Getränke und Snacks zu verkaufen, doch wir lehnen dankend ab.

Nyoman

Etwas weiter steh ein Mann mit diesem asiatischen, für Reisbauern so bekannten Hut auf dem Kopf und grüßt uns fröhlich: „Hellooo, how are you?“ – „Fine, thanks, and you?“, sagen wir automatisch zurück, doch da verzieht sich die Miene des Mannes in ein trauriges Gesicht. „Not good…“, sagt er und wir denken uns schon oh nein, jetzt kommt seine Leidensgeschichte und ein dringender Grund, warum wir ihm etwas spenden oder bezahlen müssen. Das soll jetzt nicht herzlos klingen, aber wir haben schon so viel erlebt in Asien. So viele Begegnungen, wo dich die Menschen nicht als Mensch sehen, sondern nur als das Geld, das du hast, und es nervt. Doch auf einmal verändern sich seine Züge, er grinst uns an und ruft: „because it’s so hot!“ und fängt herzlich an zu lachen.

In diesem Moment begreifen wir es. Dieser Mann ist anders. Sein Blitzen in den Augen hat es verraten, sein freundliches Lachen.

Das Geheimnis

Es gibt eine Frage, die uns schon seit Beginn unserer Reis durch Asien beschäftigt. Wir sehen die Reisfelder überall und wir sehen den Reis, der bei fast jeder unserer Mahlzeiten auf unseren Tellern landet. Aber was, WAS PASSIERT DAZWISCHEN? Wie kommt man von der Pflanze, die da wächst, zu dem fertigen Reis im Laden? In Deutschland ist das keine Frage, da fährt ein Mähdrescher über’s Feld und alles ist erledigt. So ungefähr. Aber diese Terrassen sehen nicht Maschinentauglich aus, geschweige denn, dass die Menschen hier Geld dafür hätten. Also stellen wir dem Mann unsere Frage: „How do you make rice?“

Und, oh Wunder, oh Wunder, er spricht tatsächlich ein bisschen Englisch und versteht. Und erklärt. Naja, so ähnlich zumindest, denn wir sind noch immer nicht ganz erleuchtet. Doch der Mann hat eine Lösung: „You want see? I show you!“ Und mit diesen Worten landen wir irgendwie in dem coolsten, spannendsten und lehrreichsten Erlebnis unserer Reise.

Wir gehen die Terrassen etwas weiter hoch, wo gerade Reis geerntet wird. Schließlich nimmt Nyoman (so heißt der Mann, finden wir später heraus) seine kleine Sichel, die er die ganze Zeit mit sich herumträgt, und zeigt uns, wie man Reis erntet! Mitmachen dürfen wir auch. Und das geht so.

wie wird reis geerntet?

Natürlich haben wir an dem Tag auch gevloggt. Wenn du ihn sehen willst, klicke einfach auf das Foto!

Wir lüften das Reis-Geheimnis

Man nimmt einen Büschel Reis, schneidet ihn ab und schlägt ihn dann mehrmals auf den Rand von einem Korb. Dadurch fallen die Körner vom Reis ab und werden von einem Tuch aufgefangen. Die leeren Halme wirft man wieder zum trocknen auf den Boden, später werden sie verbrannt und wieder als Dünger verwendet. Der perfekte geschlossene Kreislauf, wie man ihn in Deutschland im Erdkundebuch erklärt bekommt – allerdings nicht als normalen Zustand sondern Ziel von ökologischer Landwirtschaft. Hier ist es normal, weil praktischer und sowieso ganz natürlich und das hinterfragt auch keiner, weil das schon immer so gemacht wird. Schon immer und immer noch! Da kann der Westen sich mal eine Scheibe abschneiden.

Da natürlich nicht nur die Körner in dem Korb landen, sondern auch Halme und Stängel, muss der Reis noch gereinigt werden, was in einer flachen Schüssel geschieht. Diese wird leicht geschüttelt, dass der Reis nach unten sinkt. Dann wird der Inhalt langsam auf eine Decke auf den Boden rieseln gelassen. Dabei weht es die leichten Halme davon und der Reis landet auf der Decke. Nun ist er fertig, um in Säcke gepackt und später von Maschinen geschält zu werden.

Und das machen die Menschen hier jeden Tag, ihr ganzes Leben und auf jedem einzelnen Reisfeld hier. Krass. Außerdem hat jede Familie ihren eigenen kleinen Reis-Tempel am Feld, wo täglich kleine Opferungszeremonien stattfinden, um die Reisfelder zu segnen und zu schützen. Das gesegnete Obst, eine Orange und eine Maracuja, drückt Nyoman uns in die Hand. Er besteht darauf, dass wir es nehmen und essen, also leisten wir seinem Wunsch folge. Er ist so süß! Uns geht das Herz auf von so viel menschlicher Freundlichkeit. Und unsere Tour ist noch lange nicht zu Ende.

Viele Tiere leben hier in den Reisfeldern… Auch Gänse, die gern gesehen sind, weil sie schlechten Reis aufpicken!

Die Schweine haben wohl keine so rosige Zukunft… Aber sind sie nicht süß? In solchen Momenten wird mir wieder sehr bewusst, warum ich Vegetarierin bin.

Reisfelder ohne Ende

Bestimmt zwei Stunden wandern wir mit Nyoman kreuz und quer durch die Reisterrassen und die Umgebung, und bekommen eine Ahnung, wie riesig diese Flächen hier eigentlich sind. Und vor allem: die ganze zeit treffen wir nicht auf einen einzigen Touristen. Nyoman versichert uns stolz: „You are first white people who take rice here!“ Und er hat uns eingeweiht! Natürlich sind wir darauf nicht weniger stolz. Wir lachen und quatschen und erfahren, dass er nie eine Schule besucht hat. Schon immer arbeitet er hier, wie sein Vater schon. Englisch hat er sich selbst beigebracht, nur durch das Sprechen mit Touristen. Auch während unserer Gespräche fragt er öfters nach neuen Wörtern. Wir sind beeindruckt.

Nicht nur Reis gibt es hier, sondern auch Kokospalmen, Papayabäume, Kartoffeln, und Ananasstauden. Und vieles mehr! Wir kommen aus dem staunen nicht mehr heraus – ich meine, welcher Europäer hat schonmal gesehen, wie eine Ananas in freier Natur wächst?!! – und saugen alles begeistert auf.

Kreuz und quer, auf und ab, hin und her geht es für uns stundenlang durch die Reisterassen bei Ubud… So eine spannende Erfahrung!!!

Wir steigen steile Treppen in einen Bambuswald hinab, und wieder hinauf, und wieder hinab und landen bei einem Wassertempel, der um die Quelle errichtet wurde, von welcher die ganzen Felder gespeist werden. Wir duschen unsere Beine, Arme und Gesichter in dem kühlen, erfrischenden Quellwasser und Nyoman steckt uns die wunderschönen Blüten hinter die Ohren, die von den Einheimischen bei heiligen Zeremonien verwendet werden. Wir sehen einer Gänsefamilie zu, wie sie durch ein junges Reisfeld schwimmt und lachen erstaunt auf, als neben uns auf einmal ein Kalb durch das Feld springt, um auf der anderen Seite bei seiner Mama unter den Bauch zu schlüpfen und uns aus großen, schwarzen Augen ansieht.

Kühe sind hier noch die „Traktoren“ – wenn sie durchs Reisfeld laufen, pflügen sie den Boden dabei um!

Selbstlosigkeit ist unbezahlbar

Wir kommen uns vor wie in einer Traumwelt, doch all das passiert wirklich. Als wir irgendwann wieder zurückkommen, kaufen wir doch noch zwei Kokosnüsse bei Nyoman’s Schwester und bezahlen ihm ein ordentliches Trinkeld. Oder eine „Spende“ – aber dieses Mal kommt sie von uns und von Herzen, denn Nyoman hat uns seine Welt gezeigt. Und er wollte nichts dafür. Er hat einfach nur unser Interesse gespürt und seinen Spaß daran gehabt, unseren Wissensdurst zu stillen. Die Erfahrung ist unbezahlbar, doch wir wollen ihm irgendwie dafür danken.

Die Kokosnüsse sind die größten, die wir je getrunken haben! Und die frischesten, wie Nyoman uns versichert, denn erst am Morgen hat sein Vater sie vom Baum geplückt. Noch eine Weile sitzen wir neben ihm auf der Bank, schlürfen unsere Kokosnüsse und reden mit Nyoman. Über das Leben, Familie und die Touristen. Die kommen doch vereinzelt hier hoch, aber alle laufen sie abweisend vorbei und kommen kurz darauf wieder zurück, denn hier oben ist es nicht so beeindruckend, wie unten. Nyoman deutet auf sie und sagt „they see nothing, walk in, walk out, don’t see.“

Danke Nyoman, dass du uns deine Welt gezeigt hast!

Und die Moral von der Geschicht?

Richtig. Don’t see. Wie wir diese Touristen sehen, abweisend mit ihrem automatisierten „No, thank you.“ – wir sind nicht anders. Wir hatten Glück, haben irgendwie gemerkt, dass wir hier richtig sind: Aber wie oft läuft man hier in Asien abweisend an Menschen vorbei? Man wird geradezu dazu erzogen, weil einem so viele Leute irgendetwas verkaufen und einem irgendwie das Geld aus der Tasche ziehen wollen. Aber welche spannenden Begegnungen verpasst man dabei? Es ist schwierig, die freundlichen Menschen zu erkennen, wenn man sie gar nicht erst ansieht. Und auch alle, die einem etwas verkaufen wollen: habe sie nicht Recht? Sie brauchen das Geld, haben auch alle Bedürfnisse und Familien, für die gesorgt sein muss.

Jetzt wo wir wissen, wie viel harte Arbeit hinter jedem Halm hier steckt, sehen wir die schönen Reisterassen noch einmal mit ganz anderen Augen… 🙂

Seit diesem Tag versuchen wir, den Menschen wenigstens so freundlich und offen zu begegnen. Auch wenn wir dafür stundenlang erklären müssen, nein, wir wollen keine Kleider/Schuhe/Statuen/Reis/Postkarten/Bilder/Touren/Chips/Getränke/Anhänger/Armbänder/Sarongs kaufen. Nein. Nein, danke. Nein, immer noch nicht. Danke, nein. Nein. Okay, danke, nein, nein. Aber so ist das hier. Dafür bekommt man die herzlichsten Lächeln ab, die fröhlichsten, neugierigen Blicke.

Und dafür lohnt es sich.

Hast du schonmal ein Erlebnis gehabt, was deine Sicht auf manche Dinge einfach total geändert oder dich einfach nur zum Nachdenken gebracht hat? Erzähl uns davon in den Kommentaren!


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Ubud Monkey Forest:

 

3 Wasserfälle in Ubud:

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